Booksprint! Oder: mal anders veröffentlichen…

from http://1geheimprojekt.wordpress.com/2012/06/10/booksprint-oder-mal-anders-veroffentlichen/

Sprung ins freie Veröffentlichen

Schon angekündigt, und hier ist er nun: ein toller Artikel von Dr. Esther Debus-Gregor. Sie arbeitet als freie Redakteurin und Lektorin mit dem Schwerpunkt Sprachen, Lerninhalte, Wissensmanagement. Daneben berät und unterstützt sie Verlage und Unternehmen beim intelligenten Strukturieren von Dokumenten sowie beim Einsatz und der Pflege von Wikis.
twitter.com/edyssee

Was ist ein Booksprint?

Ein Booksprint ist eine Methode zum gemeinschaftlichen Verfassen von Handbüchern, entwickelt von Tomas Krag und Adam Hyde. Der Begriff erinnert an die Programmiersprints in der agilen Softwareentwicklung. Im Kern handelt es sich um eine Art Barcamp, wobei die Teilnehmer allerdings keine Vorträge oder Workshops halten, sondern einen Fachartikel aus ihrem Spezialgebiet schreiben. Dabei gilt es, Bücher im Schnellverfahren zu erstellen – innerhalb einer Woche vom Konzept übers Schreiben bis zur Auslieferung.

Wie läuft ein Booksprint ab?

Eine Gruppe von 5-10 Experten setzt sich in einem Raum zusammen und verfasst gemeinsam ein Buch – online, innerhalb von 2-5 Tagen mithilfe einer Web-Plattform. Die Bücher, die auf diese Weise entstehen, haben qualitativ hochwertige Inhalte und sind sofort am Ende des Sprints in gedruckter Form (Print-on-Demand) und in verschiedenen E-Book-Formaten verfügbar.
In der radikalsten Form gibt es keinerlei herstellerischen oder redaktionellen Vorlauf. Außer einer Idee, dem groben Thema oder einem schlagkräftigen Titel ist vorab wenig bekannt. Die Teilnehmer selber sind einander vielleicht noch nie begegnet.
Ähnlich wie bei einem Barcamp können so die Teilnehmer vor Ort mithilfe eines Whiteboards und Haftnotizen beschließen, was gemacht werden soll: Umfang, Gliederung und Schwerpunkte des Buchs.
Das Ganze ist ein moderierter Prozess, bei dem es entscheidend auf das Geschick des Moderators / Community Managers ankommt, den Abstimmungsprozess und die Einhaltung des Zeitplans im Auge zu behalten. Die Gruppe ist wegen ihres Engagements für das Thema des Buches ausgewählt worden und wird nun von Moderator(in) von Null bis zum fertigen Buch geführt:

  • Inhaltsverzeichnis brainstormen
  • Durchgehen, diskutieren und überprüfen in der Gruppe,
  • die einzelnen Kapitel ausarbeiten und diese Kapitel kollaborativ schreiben
  • überarbeiten und Endredaktion
  • Layout …

Dadurch, dass alle in einem Raum sind, ist der Prozess sehr intensiv, diskursiv und dialogisch.
Die Veranstaltung wird so zugleich zu einer Lernumgebung für alle Beteiligten.
Produkt und Prozess sind gleichbedeutend: Einerseits steht am Ende ein gemeinsam geschaffenes, physisch greifbares Objekt. Was zählt, sind aber Teambuilding,  kreativer Austausch und voneinander Lernen. Selbst wenn alle Beteiligten Experten für das Thema sind, haben sie doch ein unterschiedliches Verständnis der Themen – sie müssen sich darüber verständigen, wie dies im Buch erklärt werden soll.
Die Autoren können parallel schreiben, bearbeiten und freigeben. Damit wird die klassische Arbeitsteilung im traditionellen Herstellungsprozess aufgehoben. Inhaltliche Vorgaben werden durch die Teilnehmer (nicht von einem Herausgeber oder Verlag) gemacht.

Geschichte der Booksprints

Insgesamt ein noch junger Prozess, erst ungefähr drei Jahre alt. Die Idee zur Booksprint Methode hatte Tomas Krag, dessen Anregung von Adam Hyde aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Adam hat mittlerweile vielfache Erfahrung, was das “Sprinten” anbelangt. Er unterhält die Seite BookSprints.net, eine Sammlung von Fallstudien und Überlegungen zur Booksprint-Methode, sowie Booktype, eine Software-Plattform speziell für das gemeinschaftliche Schreiben. Adam Hyde ist Gründer von FLOSS Manuals. Ursprüngliches Ziel seines Booksprint-Projektes war es, die Quantität und Qualität der kostenlosen Dokumentationen zu freier Software zu erhöhen. Mittlerweile erforscht er Methoden der kollektiven Buchproduktion und hat die neue Plattform Booki kollaboratives Schreiben ins Leben gerufen.

Die meisten Erfahrungen mit Booksprints sind bisher im Bereich von Fachbüchern (nicht nur in der technischen Dokumentation) gemacht worden, es gibt kaum Erfahrungen im Bereich der Belletristik.

Ein Beispiel aus dem deutschen Sprachraum: Das Betahaus in Berlin/Hamburg hat einen Booksprint durchgeführt: a) weil Coworking Spaces sowieso Orte sind, an denen sich der Austausch von Ideen und das Zusammenarbeiten anbietet, und b) weil sie ein Buch machen wollten, um die Idee des Coworking bekannter zu machen.

Welche Vorteile hat ein Booksprint?

Wenn gut geplant, können in sehr kurzer Zeit qualitativ hochwertige Inhalte zustande kommen. Und der Spaß- und soziale Faktor kommt auch nicht zu kurz.
Die Teilnehmer inspirieren und motivieren sich gegenseitig, geben einander Feedback, und der Herausgeber muss nicht über einen längeren Zeitraum den Abgabeterminen hinterher rennen. Man redigiert und lektoriert gegenseitig.
Durch das persönliche Kennenlernen und miteinander Arbeiten entsteht eine Community, die idealerweise weiter Bestand hat. Eine Community rund ums Buch ist daran interessiert, den Content aktuell zu halten.

Was sind die Nachteile eines Booksprints?

Im Vorfeld ist sehr viel an Organisationsarbeit zu leisten. Es entstehen Reise-, Unterbringungs- und andere Logistikkosten.
Insgesamt muss ein organisatorischer Rahmen geschaffen werden, der bei verteilter Zusammenarbeit so nicht nötig wäre.
Für einzelne Teilnehmer können die Art und die Umstände des Schreibens sehr gewöhnungsbedürftig sein.

Was ist bei der Organisation eines Booksprints zu beachten?

a) Infrastruktur: Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Leute sich sofort hinsetzen und schreiben können. Die Location muss über die notwendigen Anschlüsse, WLAN usw. verfügen. Schon von daher bieten sich die so genannten Coworking Spaces an.

b) Die Community kommt vor dem Content:
Anders als beim verteilten Arbeiten in einem Redaktionssystem oder kollaborativ in einem Wiki ist es ganz entscheidend, zu klären: Wie bekomme ich die Menschen zusammen, um gemeinsam zusammen zu arbeiten? Wie vermittle ich den Teilnehmern das Gefühl, dass sie für sich etwas herausziehen, Spaß haben am Zusammensein mit Menschen, die ihre Interessen teilen?

Anne Gentle, die das Booksprint-Konzept für Dokumentation im Rahmen des Projekts “One Laptop per Child” umgesetzt hat, empfiehlt, sich – bei aller Spontaneität – im Vorfeld über die folgenden Fragen Gedanken zu machen:

  • Individuelle Einladung oder call for papers: Sinnvoll kann es sein, zuerst eine Kerngruppe einzuladen und sich auf eine Location und Zeit zu einigen. Dann diesen Teilnehmern erlauben, weitere einzuladen – oder ganz öffnen
  • “exklusiver” Content oder Wiederverwendung: Es geht beim Booksprint um eine schnelle und effiziente Produktion.  Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die Planung mit Wiederverwendbarkeit im Hinterkopf. Jedes Kapitel kann und soll für sich allein stehen und später in anderen Kontexten wieder verwendet werden. Dieser Gedanke ist typisch für die technische Dokumentation. Aber auch für andere Zwecke kann der Gedanke an die Wiederverwendung wichtig werden: wenn Nutzer sich später individuell ihre eigenen Handbücher oder Lernmaterialien zusammenstellen können sollen.
  • Existierender Content als “Zündfunke”: Idealerweise ist der Content schon vorher in ähnlicher Form veröffentlicht worden – d.h. Blog-Recycling und -Aktualisierung. Teil des Planungsprozesses ist es, existierenden Content zu identifizieren; schließlich geht es bei Handbüchern nicht um Grundlagenforschung, sondern um Praxiserprobtes. Es kann auch motivierend auf andere Beitragende wirken, wenn schon etwas da ist. Und ehrgeizfördernd. Selbst wenn der “Starter”-Content am Ende wieder raus fliegt.
  • Richtlinien und Redaktionsleitfaden: Im Detail werden sich Formalia und Prozesse während des Booksprints entwickeln. Man kann sich jedoch im Vorfeld schon überlegen: gibt es formale Vorgaben pro Kapitel (z.B. jeweils Zusammenfassung, how to, lessons learned.)
  • Welche Tools werden verwendet: Fürs Erstellen, Überarbeiten/Redaktion. Wie und durch wen werden Kommentare und Änderungen je nach Autor festgehalten und eingearbeitet.
  • Wie soll der Freigabeprozess geregelt werden und durch wen?
  • Müssen wirklich alle Teilnehmer vor Ort präsent sein? Da man im Normalfall eine Online-Plattform nutzen wird, können Leute “remote” teilnehmen. Aber das sollte die Ausnahme sein, denn sonst wäre es ja kein Booksprint, sondern ein “normales” Buchprojekt. Es gilt dann zu planen, wie die Onliner und Offliner koordiniert werden sollen, um den fruchtbaren Austausch zu ermöglichen.

“Bücher sind eigentlich Internetseiten”

Adam Hyde auf der re:publica 2012

“Um die neue Welt des Buches verstehen, müssen wir unsere Annahmen, was denn ein Buch sei, infrage stellen und den Entstehungsprozess von Büchern neu denken. Wir müssen verstehen, dass das Web nicht nur das Format der Medien und die verfügbaren Vertriebswege, sondern den kulturellen Kontext, die wirtschaftlichen und sozialen Prozesse rund um das Buch verändert hat. Das Web verändert die Gründe, warum Bücher existieren, und ihren Einfluss auf die Produktion von Wissen und Kultur. Diese seismischen Veränderungen treten auf, weil eine Webseite ein Buch ist, oder besser gesagt, ein Buch ist nur eine Webseite.”

Adam Hyde sieht sein Projekt im Rahmen eines weit gehenden Paradigmenwechsels, der ausgelöst wurde durch Trends wie Selbstverlegen und Veränderungen durch  Webtechnologien:

  • neue, leicht handhabbare Online-Tools für die Produktion,
  • neue Formen der Lizenzen
  • Zusammenarbeit als selbstverständliche Form des Arbeitens vor allem bei Entwicklern  freier Software
  • Publikation im Zeitalter des Web 2.0 ist ein zyklischer Prozess, ein offener und transparenter Prozess

Entsprechend der direkte Dialog mit den Nutzern – sozusagen “Schreiben 2.0”. Laut Adam Hyde ist es gerade für Handbücher ideal, wenn auch am Booksprint eine Person als Vertretung der User teilnimmt, so dass die Autoren sogar mit “ihrer Zielgruppe” sprechen können. (Auch dies eine Analogie zu Programmiersprints.) Wenn diese Person sagt: “das verstehe ich nicht!”, wird es unter Umständen ernster genommen.

Die Sache mit der Reputation

Wie Adam Hyde eher am Rande in seinem Vortrag bei der re:publica 2012 bemerkte: Die Art des Schreibens, dass nämlich ein gemeinsamer Text entsteht, bewirkt, dass der Autor als solcher in den Hintergrund tritt.
Die Anerkennung geht an den Moderator, nicht die Autoren. Reputation, die es leichter machen werde, für weitere Projekte Sponsorengelder zu akquirieren.
Interessant ist die Rolle des Moderators: Er/Sie soll sich um die Finanzierung, die richtigen Rahmenbedingungen kümmern, den Gruppenprozess moderieren und die Autoren motivieren – jedoch neutral bleiben, was die Inhalte betrifft. (Anders als im traditionellen Verlagsgewerbe, wo es zwar auch darum geht, Autorenteams zu motivieren und Teambesprechungen zu moderieren – im Zweifelsfall jedoch auch die inhaltliche Kontrolle zu behalten.)

Finanzielle Gesichtspunkte

Wie lässt sich damit eigentlich Geld verdienen? Der traditionelle Weg sieht vor, dass der Verlag die Produktion vorfinanziert und die Autoren eine Pauschale bzw. einen Vorschuss auf die Tantiemen erhalten. Die Finanzierung erfolgt dann erst durch den Verkauf des Buches.

Beim Booksprint steht dagegen das Open Resource-Konzept im Vordergrund, das heißt: Die Haupteinnahmen sind nicht aus dem Verkauf des Buches, sondern auf anderem Wege zu erzielen.
Ein wesentliches Ziel ist es darum, Einnahmen zu Beginn des Prozesses zu generieren, nicht am Ende. Es gilt, Gelder einzusammeln, bevor das Buch produziert wird, beispielsweise über Crowdfunding (siehe Kickstarter), über Sponsoren und Spenden.
Je gelungener das Produkt, desto leichter wird die Finanzierung beim nächsten Mal – eine gute Reputation hilft bei der Sponsorenakquise. (So Adam Hyde in seinem re:publica-Vortrag.)

Quellen

Adam Hyde, A Webpage is a Book,  https://www.adamhyde.net/a-web-page-is-a-book/
https://www.booksprints.net/book-sprint-methodology/
http://creative.arte.tv/en/space/transmediale_tv/message/897/transmediale_2011_Open_Web_Booksprint/
http://en.flossmanuals.net/Booki-User-Guide/ch002_what-can-i-use-booki-for/
Anne Gentle, Conversation and Community: The Social Web for Documentation. XML Press 2009. ISBN-13: 978-0982219119, pp. 112-124

Weiterführende Links

Anschauungsbeispiele für die Pitchkultur und das spontane Teambuilding, das typischerweise in der Coderszene entsteht, können die so genannten hackathons bieten:
“(… ) der schönste Code, die überzeugendste Anwendung wird prämiert.
Nach zwei Tagen durchcoden mit neuen Programmiergefährten und konkreten Ergebnissen gibt es ein Abschluss-Get-Together inklusive gepflegtem Anstoßen.”
http://hackathon.advance-conference.com/

booksprint = 1 Buch 4 Tage 6 Autoren 17 Kapitel 22.000 Worte “Wenn diese Form des kollaborativen Schreibens das Herz des coworkers höher schlägen lässt, bringt die Devise “let the text go” zugegebenermaßen das Herz des Akademikers eher zum Bluten.”
http://hamburg.betahaus.de/2010/11/23/booksprint-1-buch-4-tage-6-autoren-17-kapitel-22-000-worte/

David Weinberger und “das Ende des Buches” http://www.kmworld.com/Articles/Column/David-Weinberger/The-long-form-of-webby-knowledge-69499.aspx  Was ist eigentlich heute ein “Buch”? Wann können wir von “buchartigen Inhalten” (long-form content) sprechen; Wofür brauchen wir eigentlich immer noch Bücher?
siehe auch:
David Weinberger, Too Big to Know: Rethinking Knowledge Now That the Facts Aren’t the Facts, Experts Are Everywhere, and the Smartest Person in the Room ist the Room. Basic books 2012, pp. 93-119

Abgrenzung / Fließende Übergänge zu Projekten wie
http://l3t.eu/homepage/
“115 Autor/innen, über 80 Gutachter/innen sowie viele weitere Personen haben es möglich gemacht das Themenfeld umfassend darzulegen.” Wie ändern sich hier inzwischen die Prozesse?

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